Der 22. Juni ist für Oberstudiendirektorin Brigitte Eberhardt der letzte Arbeitstag vor dem wohl verdienten Ruhestand. Am Mittwochvormittag erhielt die Noch-Schulleiterin des Kopernikus-Gymnasiums Neubeckum für viele Jahre freundschaftlicher Verbundenheit schon einmal ein ganz besonderes Abschiedsgeschenk... Dabei handelte es sich um eine von Buchhändlerin Mechthild Barth organisierte Vortragsveranstaltung in der Schule. „Ein Sahnebonbon“, wie es die engagierte Pädagogin bei der Begrüßung ihrer Gäste und Schüler der Klassen zehn bis zwölf selber bezeichnete. Professor Walter Nowojski, der Herausgeber der Tagebücher von Viktor Klemperer, war ins Schreib-Lesezentrum des Gymnasiums gekommen, um aus den Aufzeichnungen seines großen Vorbilds und Lehrers zu lesen und über persönliche Begegnungen mit dem 1881 in Landsberg /Warthe geborenen Romanisten jüdischer Abstammung zu berichten.

„Juden raus aus Zinnowitz, Heringsdorf ist Euer Sitz“, hält Victor Klemperer bereits 1924 bei einer Urlaubsreise an die Pommersche Ostseeküste eine Parole, die den Antisemitismus dieser Zeit beschreibt, in seinem Tagebuch fest. Walter Nowojski wird 1947 auf Klemperer aufmerksam. Es sind seine Analysen der Nazisprache, die Nowojski damals faszinierten. Und sie lösen etwas aus: Diese Analysen machen bei einer großen Gruppe Jugendlicher in der DDR die Köpfe frei für humanistisches Denken.

Walter Nowojski holte sein Abitur an der Arbeiter- und Bauernfakultät in Potsdam nach und traf hier zum ersten Mal persönlich auf sein Idol. 1952 als Germanistikstudent der Berliner Humboldt- Universität kreuzen sich ihre Wege erneut: „Der Mann hatte eine Überzeugungskraft, die Horizonte öffnete. Ein solcher Lehrer hinterlässt Spuren“, schwärmte der Referent während seines Vortrags von Victor Klemperer. Er, der zeitlebens unter seiner jüdischen Herkunft litt und dem eine Karriere als Hochschullehrer einer renommierten romanistischen Fakultät niemals vergönnt war, überlebte den Holocaust wohl hauptsächlich dank der Ehe mit der „arischen“ Ehefrau Eva Schlemmer, die auch seine Manuskripte während der Nazizeit aus dem „Judenhaus“ in das Haus einer befreundeten Ärztin rettet.

„Diese Tagebücher sagen über die Geschichte der Weimarer Republik, Nazideutschlands und der Nachkriegszeit mehr aus, als alle Historiker bisher aufgeschrieben haben“, kritisierte Nowojski den zögerlichen Umgang mit der Thematik zum Abschluss seines ergreifenden Vortrags in Neubeckum. Walter Nowojski verwandte 20 Jahre darauf, die 16 000 handschriftlich verfassten Seiten aus der Dresdner Landesbibliothek zu entziffern, deren Aufzeichnungen bereits 1918 begannen.


Bild: Spannende Vortragsveranstaltung im Kopernikus-Gymnasium Neubeckum: (v.l) Buchhändlerin Mechthild Barth, Professor Walter Nowojski und Schulleiterin Brigitte Eberhardt.

Text und Bild: S. Himmel; Die Glocke vom 19.5.2006