"Wir Juristen kürzen alles ab", lacht Susanne Gehringhoff, ehe sie die Schüler mit Buchstabenkombinationen wie BGB (Bürgerliches Gesetzbuch), StGB (Strafgesetzbuch) oder OLG (Oberlandesgericht) bombardiert. Doch die 15- und 16-Jährigen schreiben eifrig mit, tasten sich langsam an die verwirrenden Abkürzungen heran und verstehen am Ende der Doppelstunde mit Hilfe von Gehringhoff sogar ansatzweise, was sie bedeuten.

Dabei ist die Beckumerin trotz ihrer augenscheinlichen pädagogischen Fähigkeiten gar keine "richtige" Lehrerin -  zugelassen ist sie als Rechtsanwältin. Doch seit sechs Jahren verbringt die Juristin mehr Zeit in Klassenräumen als in der Kanzlei oder vor Gericht. Von der Justizverwaltung Münster vermittelt, bietet Gehringhoff an drei Schulen im Be-zirk je einmal pro Woche die so genannte Rechtskunde-AG an, auch  am Kopernikus-Gymnasium in Neubeckum.


"Die Arbeit mit den Schülern macht mir großen Spaß", beteuert die Anwältin, dass sie die schwarze Robe nicht sonderlich vermisse. Zumal sie sich im Klassenzimmer nicht mit widerspenstigen Mandanten herumschlagen muss: "Es erleichtert die Arbeit schon, dass die Schüler diesen Kurs freiwillig besuchen." Tatsächlich ist die AG keine Pflicht-veranstaltung. Statt den Nachmittag vor dem Fernseher oder  in der Eisdiele zu verbrin-gen, basteln die 20 Schülerinnen (deutlich in der Überzahl) und Schüler der zehnten Klasse mittwochs zwischen 14 Uhr und 15.30 Uhr lieber frühzeitig an ihrem beruflichen Werdegang. Tatsächlich könnte es in ein paar Jahren in Neubeckum eine wahre Anwalts-schwemme geben: Nahezu alle, die die Rechtskunde-AG hier besuchen, geben an, später einmal Jura studieren zu wollen.


Aller Anfang ist jedoch schwer. Juristen verstehen sich nämlich nicht nur prima auf Ab-kürzungen jeglicher Art. Eine weitere Spezialität dieser Berufsgattung ist es, scheinbar simple Alltagsdinge hoch kompliziert darzustellen. Ein Beispiel von Gehringhoff: Je-mand geht zum Bäcker. Haben vermutlich alle Zehntklässler schon mal gemacht, bislang ohne Hintergedanken. Beim nächsten Einkauf haben sie jedoch hoffentlich im Gedächt-nis, dass es laut Juristendeutsch dazu "zwei übereinstimmender Willenserklärungen" (Kunde möchte vier Brötchen; Bäcker veräußert sie bereitwillig) und "einer uneinge-schränkten Annahme" (Bäcker hat vier Brötchen) bedarf.


Auf größeres Interesse stoßen bei den Schülern Praxistipps zum "Taschengeldparagra-fen" oder "Ebay-Kaufvertrag".
Und noch handfester wird es für die Mädchen und Jungen, wenn sie   gemeinsam mit Gehringhoff einer Verhandlung vor dem Amtsgericht Beckum beiwohnen - sozusagen Barbara Salesch in echt. In den nachmittäglichen TV-Gerichtsshows sieht die Anwältin aus der Wersestadt einen Grund für den regen Zulauf, den die Rechtskunde-AG erfährt. Diese kann übrigens in Absprache mit der Justizverwaltung jede Schule in Anspruch nehmen.

Text und Bild: Blickpunkt am Sonntag, 16.11.2005

Bild: Für Recht und Gesetz opfern sie sogar freie Nachmittage: 20 Mädchen und Jungen erlernen in der "Rechtskunde-AG" des Neubeckumer Kopernikus-Gymnasiums grundlegende juristische Zusammenhänge.